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„Es ist schön, an eine Uni zu kommen und nicht von einer Demonstration begrüßt zu werden“, wendet sich Boris Palmer zu Beginn der Veranstaltung an das Publikum. Er wirkt sehr entspannt und nimmt erst einmal einen großen Schluck aus seinem Bierglas. Normalerweise würde er nicht mit einem Bier, natürlich alkoholfrei, auf der Bühne sitzen, erklärt er. Seine Anreise nach Friedrichshafen, die aufgrund eines kilometerweit vom Zielort entfernten, außerplanmäßigen Stopps der Bahn mit dem Fahrrad vollendet werden musste, würde dies heute allerdings rechtfertigen.
Durch die Begrüßung des Oberbürgermeisters steht unmittelbar ein Thema im Raum, welches im Publikum für eine gewisse Spannung und sorgt. Diese wird durch eine antizipierende Stille, sobald die Moderatoren das Wort ergreifen, spürbar. Boris Palmer ist seit 2007 Oberbürgermeister der Stadt Tübingen und ist in seiner Rolle durch verschiedene Kontroversen zum vermutlich bekanntesten Oberbürgermeister Deutschlands geworden. Nach einem Eklat im Rahmen einer Konferenz über Migrationspolitik im April, auf welches er auch mit seinem Kommentar zu Beginn des Vortrages anspielte, trat Palmer aus seiner Partei, den Grünen aus und nahm sich eine einmonatige Auszeit im Juni dieses Jahres. „Ich habe einfach eine gewisse Zeit für mich gebraucht, um zu sortieren, wie ich in Zukunft Politik machen will“, erklärt er. Wie das genau sein soll, hat er offengelassen.
Boris Palmer als herausfordernden Gesprächspartner und Gast des CIPs zu bezeichnen wäre wohl nicht übertrieben. Umso beeindruckender, dass sich die Moderatoren, Jonathan Rauch und Otmar Böss, dieser Challenge angenommen haben. Im Kontrast zu dem entspannten und zurückgelehnten Palmer kann man ihre Anspannung, insbesondere in den ersten Minuten des Gespräches, klar erkennen. Durch die gesamte Moderation hindurch wird deutlich, welches Ziel sich der CIP für den Abend gesetzt hat: einen Eklat zu vermeiden.
Sie fordern Palmer zunächst auf, die Ereignisse des Tages in Frankfurt aus seiner Sicht noch einmal zu schildern, womit dieses Thema auch schnell aus dem Weg geräumt wird, bevor sich auf das eigentliche Thema des Abends konzentriert werden kann: die Klimapolitik Tübingens. Das Publikum kann sich auf den Themenwechsel einlassen und die Spannung im Raum nimmt im Laufe des Gespräches merklich ab.
Kommunale Klimapolitik ist Palmers Steckenpferd und es ist offensichtlich, dass er sich in dem Thema sehr wohlfühlt. Tübingens Ziel ist, es bis 2030 klimaneutral zu sein. Palmer zufolge keine Utopie, sondern ein Plan, dessen Umsetzung bereits auf dem besten Wege sei. Ein wichtiger Bestandteil der Strategie dabei sei die Mobilitätswende. Durch beispielsweise die drastische Erhöhung der Parkgebühren solle umweltfreundliche Mobilität kostengünstiger gemacht werden. Das Ziel sei es, die Menschen dazu zu bewegen, sich zweimal zu überlegen, ob sie wirklich ein Auto brauchen, sagt Palmer. Nicht zu vernachlässigen sei dabei die psychologische Komponente. „Autofahrer sind – was Parkgebühren angeht – durchaus sensible Wesen“, erzählt der Bürgermeister.
Tübingen könne für eine Reihe von Projekten, die erfolgreich umgesetzt wurden, als eine Art Blaupause für andere Kommunen fungieren, behauptet Palmer. Beispielsweise ist Tübingen die erste Stadt Deutschlands mit einer Steuer für Einwegverpackungen. Auch bei der Bevölkerung der Stadt scheint Palmers Klimapolitik Anklang zu finden. Jede der insgesamt 20 Maßnahmen erhielten bei einer Befragung über 50 Prozent Zustimmung der Bevölkerung. Die gleichen Maßnahmen würden aber nicht für jede Stadt funktionieren, erklärt der Bürgermeister: „Man muss etwas machen, was zu der eigenen Stadt passt, um die Leute davon zu überzeugen“.
Zum Ende des Vortrags wird Palmer aus dem Publikum auf seinen Parteiaustritt angesprochen und gefragt, ob er in nächster Zeit plant einer anderen Partei beizutreten. „Ich bedaure das Auseinandergehen mit meiner Ex-Partei sehr“, sagt er, aber „Wo soll ich denn hingehen?“. Wem ökologische Werte wichtig sind, hätte nicht viele andere Alternativen, erklärt er.
Die Mission des CIPs auf dem sicheren Weg zu bleiben und Kontroversen zu vermeiden, ist den Moderatoren auf jeden Fall gelungen. Ob dies auch die Hoffnungen des Publikums erfüllen konnte, bleibt offen.
Boris Palmer ist ein Freund klarer Worte und überzeugt davon, dass Ergebnisse wichtiger sind als Freundlichkeit. „Wenn Leute Politik machen, die Probleme löst und etwas verändern, dann interessiert es die Leute weniger, wie freundlich sie sind“.