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Professor Dr. Jan Söffner, geboren 1971 in Bonn, studierte Deutsch und Italienisch auf Lehramt an der Universität zu Köln. Nach dem erfolgreichen Studienabschluss promovierte er am dortigen Romanischen Seminar mit einer Arbeit zu den Rahmenstrukturen von Boccaccios „Decamerone“. Die nächsten drei Jahre führten ihn als wissenschaftlichen Mitarbeiter an das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung nach Berlin. Zurückgekehrt an die Universität zu Köln, erfolgte neben einer weiteren wissenschaftlichen Tätigkeit am Internationalen Kolleg Morphomata die Habilitation. Jan Söffner übernahm anschließend die Vertretung des Lehrstuhls für Romanische Philologie und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen und leitete Deutsch- und Integrationskurse für Flüchtlinge und Migranten an den Euro-Schulen Leverkusen. Zuletzt arbeitete er erneut am Romanischen Seminar der Universität zu Köln und als Programmleiter und Lektor beim Wilhelm Fink Verlag in Paderborn. An der Zeppelin Universität lehrt und forscht Professor Dr. Jan Söffner zur Ästhetik der Verkörperung, zur Kulturgeschichte sowie zu Literatur- und Theaterwissenschaften.
Die Pest war schon auf ihrem Weg über die Alpen, und die Menschen im heutigen Österreich und Ungarn wussten es. Zu dieser Zeit, in der Mitte des 14. Jahrhunderts, begann eine neue Bewegung. Wer sich ihr anschloss, verabschiedete sich von seiner Familie, bekannte öffentlich, allen weltlichen Zwist hinter sich zu lassen und alles erfahrene Unrecht zu vergeben, schloss sich mit Gleichgesinnten zusammen, nahm genug Geld mit, um nicht betteln zu müssen, und begab sich für 33½ Tage auf Wanderschaft, wobei er sich selbst den Rücken mit einer Peitsche zerfleischte.
Die Flagellanten (von lateinisch „flagellum“ für Peitsche) wanderten der Pest voraus. Und überall, wo die Krankheit hinkam, flossen der Bewegung neue Büßer zu. So wuchs sie schnell stark an, spaltete sich auf und führte ihre Pilger aus Österreich und Ungarn kreuz und quer durch das heutige Deutschland bis nach Belgien und in die Niederlande und schließlich auch nach Frankreich und England. Dabei wurden die Flagellanten von der Seuche eingeholt, was der Bewegung aber keinen Abbruch tat.
Hätte man gefragt, warum Menschen aus allen Ständen und mit unterschiedlichster Gesinnung sich dieser eigenwilligen Bewegung anschlossen, hätte man sehr verschiedene Antworten bekommen. Die Flagellanten verfügten zwar über einen sie legitimierenden und oft kopierten „Himmelsbrief“ (ein von Gott selbst verfasstes Sendschreiben) aus dem 13. Jahrhundert, denn um 1260 waren in Italien schon einmal Geißlerzüge unterwegs gewesen. Doch offenbar bezog sich die neue Bewegung nur lose darauf.
Predigten gab es viele, aber eine ideologische Grundlage hatte die Bewegung kaum. Es gab zwar Anklänge an die millenarische (die Apokalypse voraussagende) Bewegung, diese waren jedoch nicht übermäßig stark ausgeprägt; umgekehrt wurden auch die Flagellanten selbst von millenarischen Gegnern als Vorzeichen der Apokalypse interpretiert.
Auch ist unklar, wie häretisch die Bewegung war. Die theologischen Positionen waren aber offenbar viel zu inkohärent und willkürlich, als dass sie von kirchlicher Seite überhaupt diskutiert worden wären. Es schlossen sich allerdings Kleriker der Bewegung an, die dann ihren Mitflagellanten die Beichte abnahmen (was Teil des flagellantischen Rituals war). Über diese praktische Häresie entbrannte allmählich ein Streit mit der Kirche – deren Glocken anfangs noch bei jedem Einzug der Flagellanten in eine Stadt geläutet hatten.
Es scheinen Verschwörungstheorien innerhalb der Bewegung kursiert zu sein, denn an manchen Orten schlug die von Flagellanten aufgeheizte Stimmung in antisemitische Pogrome um. Aber es ist schwer zu sagen, welchen Anteil die Flagellanten wirklich daran hatten. Wenn eine gemeinsame Haltung sie verband, dann lag sie in keinem Glauben, sondern nur in einem Unglauben begründet: in einer Glaubensverweigerung gegenüber den geistlichen und weltlichen Autoritäten. Wichtiger für ihre Einigkeit war aber wohl der Umstand, dass sie sich gemeinsam auspeitschten – und dass sie dabei eine enorme Aufmerksamkeit auf sich zogen.
Von dieser Zeit trennen uns kulturelle Gräben, die selbst für Historiker schwer zu überwinden sind. Doch ließ sich in den vergangenen Monaten eine merkwürdige Erfahrung machen, nämlich diejenige, dass fremde, unverständliche Dinge aus anderen Seuchenzeiten auf einmal zu uns zu sprechen schienen.
Und so springen, wenn man heute einen Blick auf diese Bewegung wirft, auch die Parallelen zwischen Flagellanten und der Querdenken-Bewegung in Deutschland und anderen analogen Bewegungen weltweit ins Auge: die Ablehnung des „Mainstreams“ und der Institutionen, die Unwichtigkeit gemeinsamer Ziele oder ideologischer Referenzpunkte und die Konfusion über sie, das Selbstverständnis als Wahrer der eigentlichen Werte (Christentum oder Grundgesetz), die Erzeugung von Aufmerksamkeit und die Nähe zu Verschwörungs- und das heißt Empörungstheorien.
Die Praxis der Selbstauspeitschung mag zwar auf den ersten Blick ganz und gar nicht ins heutige Bild passen und uns absolut fremd erscheinen. Aber wenn man das Auspeitschen gemäß den kulturhistorischen Überlegungen des Mediävisten Niklaus Largier vornehmlich als Erregungspraxis versteht, zeigen sich auch hierin Parallelen zur Querdenken-Bewegung. Diese zeichnet sich durch eine mediale Form der Selbsterregung aus und sucht sich, ähnlich wie die Flagellanten, dabei von den dunklen Mächten zu reinigen, denen sie sich ausgeliefert glaubt.
Bedenkt man dann noch den Umstand, dass die Büßer-Tradition der Selbstauspeitschung eine Kur gegen die Todsünde der Melancholie darstellte, dann wird nicht nur verständlich, warum die Selbstgeißelung auch eine Reaktion auf Angst und Depression in der Pestzeit war. Es ergibt sich daraus auch eine weitere Parallele zur heutigen Erregung als Antwort auf die psychisch schwierige Lage, die aus der Pandemie und den Gegenmaßnahmen resultiert. Und auch eine Form des analogischen Denkens ist ähnlich: Die Geißelung erfolgte als Reaktion auf die Gottes-„Geißel“ Pest, während heute mit viralen Medienereignissen auf ein Virus reagiert wird.
Gewiss: Wer einen Hammer hat, sieht die Welt voller Nägel, und wer solche Parallelen sucht, wird sie überall finden. Es geht mir auch nicht um eine Gleichsetzung, nicht einmal einen Vergleich der Bewegungen im eigentlichen Sinne. Vielmehr geht es mir um den Hintergrund, der solche Ähnlichkeiten hervorbringt.
So fügt sich die beschriebene Ähnlichkeit in eine lange Reihe anderer historisch bezeugter Reaktionen auf Epidemien, die ebenfalls in sehr unterschiedlichen Kulturen (und auf sehr unterschiedliche Weise) beobachtbar sind und alle als mannigfaltige Antworten auf ein und dasselbe psychosoziale Kollektivproblem zu beschreiben sind: demjenigen einer kollektiven Angst, einer kollektiven Ohnmacht und eines kollektiven Sinnverlusts. Das heißt: Es handelt sich um gesellschaftliches Leiden, das ein nicht allzu variables Repertoire an kulturellen Immunreaktionen hervorbringt.
Das hört sich nach einer Binsenweisheit an – und es ist auch eine: Selbstverständlich lösen Epidemien Angst aus (denn zumindest das Gerücht ist eigentlich immer schneller als die Infektion). Selbstverständlich gehen sie mit menschlicher Ohnmacht einher (sonst würden sie ja gar nicht erst zu Epidemien).
Und ebenso selbstverständlich zerstören sie kulturelle und soziale Sinnzusammenhänge: Sie treiben Gemeinschaften auseinander, verhindern Rituale (vor allem Bestattungen, Gottes- oder Götterdienste und Feste), sie heben die Ordnung des Alltags aus den Fugen durch die krisenhafte Unruhe, durch die Gegenmaßnahmen oder auch durch den Zusammenbruch staatlicher, ökonomischer und religiöser Institutionen. Und schließlich zerstören sie soziale und kulturelle Hierarchien und damit bekannte Ordnungen und Werte, da die Erreger vor ihnen keinen Halt machen.
Die sinnvolle Ordnung der Welt, in der man sich eingerichtet hatte, bricht sowohl in ihrer Alltäglichkeit und Gewohnheit als auch in ihrer Struktur und Ideologie zusammen. Nicht einmal die Lebensgrundlage ist sicher. Zurück bleibt ein Gemisch aus kollektiver Melancholie und Machtlosigkeit, eine kollektive Depression, die für viele unerträglich ist. So unerträglich, dass sie den Sinn ihres Lebens neu zu organisieren versuchen in Form eines offensiven Hedonismus, kollektiv zelebrierter Rituale oder aber politischer Empörung: Verschwörungstheorien und die Anklage (vermeintlich) Schuldiger, Pogrome, Lynchjustiz – oder eben eine reinigende Erregung.
Nun ist die vielleicht bedenklichste Tatsache an der Corona-Pandemie, dass sie solche Reaktionen überhaupt jetzt schon auslöst – obwohl ihre medizinischen Dimensionen im historischen Vergleich eher unbedeutend sind. Um eine Bewegung wie die Flagellanten hervorzubringen, musste die Pest von 1348/49 die Hälfte der Gesamtbevölkerung töten und somit fast jegliche gesellschaftliche und kulturelle Ordnung zusammenbrechen lassen. Sind unsere Organismen, von moderner Medizin beflügelt, im Vergleich eigentlich recht gut gerüstet, erweist die Corona-Pandemie die Gesellschaften unserer Zeit als erstaunlich anfällig.
Die Gründe dafür sind wohl vielschichtig. Da ist die mediale Vernetztheit und die neue Macht sozialer Netzwerke; da ist das im Vergleich zu anderen Epochen und Kulturen extrem angewachsene Sicherheitsbedürfnis; da sind die ausgetüftelten epidemiologischen Maßnahmen, die Menschen bereits isolieren und damit tendenziell in einen Zustand großer Angst und Sinnlosigkeit bringen, wo ältere Kulturen kaum reagiert hätten. Und da ist die extreme Relevanz, die man der Pandemie zuschreibt.
Auch hierzu ein Vergleich: Die Spanische Grippe, die mehr Todesopfer forderte als der Erste Weltkrieg, wurde von den Zeitgenossen kaum für ähnlich wichtig gehalten; vor den Corona geschuldeten Rückblicken der vergangenen Monate war sie aus dem kollektiven Gedächtnis fast verschwunden. Die gegenwärtige Angst-, Ohnmachts- und Sinnlosigkeitserfahrung scheint im Vergleich übermäßig, und sie beschert uns Bewegungen, die darauf äußerst empfindlich mit Erregung, Empörung und Ablehnung der gesellschaftlichen Autoritäten reagieren.
Für die gegenwärtigen Demokratien sind solche Bewegungen nicht minder unangenehm als seinerzeit die Flagellanten für die mittelalterliche Kirche. Dies vor allem, weil solche Bewegungen auf unmittelbare affektive und Aufmerksamkeit bündelnde Resonanz setzen, die sie den politischen Repräsentationsansprüchen der Institutionen entgegenstellen (im Mittelalter der Vertretung des Reiches Gottes auf Erden – heute der Repräsentation des Volkes durch seine gewählten Vertreter).
Dies ist heute wie damals ein „populistisches“ Verfahren, und die spezifische Spielart ist insofern heikel, als beide Bewegungen dem Selbstverständnis nach im Geiste dessen agieren, was die Institutionen ihrer Meinung nach hätten vertreten sollen. Damals führten die extreme Religiosität und Bußfertigkeit über die Aneignung der Beichte und der Absolution in einen Zustand, der die Erregung und kollektive Körperlichkeit an die Stelle der Institution Kirche zu setzen versuchte. Heute erfolgt die Berufung auf das Grundgesetz und die Nutzung der Demonstrationsfreiheit im Rahmen einer Ordnung, in der die gewählten Vertreter gegenüber dem auf der Straße verkörperten Erregungszustand als Usurpatoren dastehen sollen.
Im 14. Jahrhundert sah sich die Kirche, obwohl sie im Angesicht der Pest vielleicht Wichtigeres zu tun gehabt hätte, schließlich zum Einlenken gezwungen. Papst Clemens VI. erließ eine Bulle, die die Flagellanten verbot. Als wirksam erwies sie sich kaum – anders als die von den von Bürgern verhängte Schließung der Stadttore, die den Flagellanten ihren Resonanzraum nahm. Doch die Bewegung ging weiter.
Die gegenwärtigen Regierungen tun gut daran, auf die kollektive Erregung wesentlich gelassener zu reagieren. Stellen wir Demokraten uns aber besser auf eine Zeit ein, in der unsere Demokratien dauerhaft herausgefordert werden. Es könnte ihnen vielleicht sogar guttun.
Dieser Artikel ist am 26. November unter dem Titel „Auch das Mittelalter kannte Querdenker. Heutige Bewegungen sind ihnen verblüffend ähnlich“ in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen.
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Beitrag (redaktionell unverändert): Prof. Dr. Jan Söffner
Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm